FEINKOST BLUES


Das genussvolle Aufseufzen einer Frau im Publikum ist neben begeisterten Pfiffen und viel Applaus die bezeichnendste Reaktion aus dem Publikum im Scharfrichterhaus. Weißhäutigen Blues bekommt es geboten, unterfüttert mit Jazz und eingeschwärzt von einer Ausnahmestimme. Quittieren Pfiffe und Applaus den packenden Drive und mitreißende Soloeinlagen, gilt das Seufzen dem unter die Haut gehenden Gefühl des holländischen Bluespianisten Sa!ke und seiner deutsch-österreichischen Band.

Es macht viel Laune, wie die Musiker ihr Feeling innerhalb eines Stückes weiterreichen und dem nächsten überlassen, was er daraus macht. So dass im Lauf des Konzerts nicht nur der Bandleader vertrauensvolle Lust ausstrahlt, wenn er vom Flügel an Gitarre oder Saxofon übergibt, sondern sich auch der Zuhörer gewiss ist, jetzt wird ihm der nächste Leckerbissen geboten. Etwa, wenn sich Frank Folgmann stilvoll dem feinen Sound seiner E-Gitarre hingibt. Und besonders, wenn Christian Bachner sein Saxofon aus unbeteiligt wirkender Pose heraus langsam aufwärmt, auf volltönende Touren bringt, kurz mal heftig in die Kurve legt und dann dezent wieder zurückzieht. Oder auch unvermittelt einen ausgelassenen Ausflug in den Jazz unternimmt, an den sich die Mitspieler amüsiert anhängen. Gerold Mayr am selbst gebauten Kontrabass und Frederic Hintenaus am Schlagzeug machen die Feinkost komplett, die von Whisky-launigem New Orleans Blues über funkigen Rhythm ’n’ Blues zu Rumba-unterlegten Balladen reicht.

Dass der charismatische Musiker Tom Waits interpretiert, ist so schlüssig wie eine Popband, die Beatlessongs spielt. Seine Stimme steht dabei für sich selbst. Sie lebt von einer wohlig tönenden Grundtiefe, kann rauchig werden wie bei einem jungen Louis Armstrong und auch gepresst wie bei einem Mister Waits – muss es aber nicht. Sondern bekommt auch atmos-phärisches Timbre oder gequälte Höhen in Liebesballaden. Von dem Unfall, der Sa!ke wenige Wochen zuvor sein Gedächtnis geraubt hatte, ist nichts zu spüren. Die Musik hat ihn wieder voll ins Leben geholt.  

Gabriele Blachnik, Passauer Neue Presse vom 29.04.2011